Der Pyrenäen - Berghund
Rassenbeschrieb


Lässt sich die vom Pyrenäen-Berghund ausgehende Faszination beschreiben? Ist es der sanfte Blick seiner dunklen, mandelförmigen Augen; ist es sein prunkvolles weißes Fell oder die Verbindung von Kraft und Gewandtheit, die diesen Sohn der Berge unverwechselbar aus der großen Familie der Hunderassen hervorhebt?


In den Pyrenäen sind seit eh und jeh zwei Hunderassen beheimatet, die sich in ihrer Arbeit ergänzen: Der kleine Schäferhund (Berger des Pyrénées), unermüdlicher Helfer des Schäfers, welcher heute noch das Vieh treibt, die Herden zusammenhält und führt, und der große, weiße Berghund (Montagne des Pyrénées), der seinen Dienst als unbestechlicher Wach- und Schutzhund versieht. Der "Montagne" – wie dieser Hund auch kurz genannt wird – trägt in seinen Bergen den Kosenamen "Patou".

Man glaubt, dass der Pyrenäen-Berghund von der Tibet-Dogge abstammt. Jedenfalls scheint festzustehen, dass sein Ursprung nicht in Europa liegt, da man ihn in den Einlagerungen der Bronzezeit nicht gefunden hat. Obwohl es nicht an Mutmaßungen mangelt, bleibt sowohl sein Weg aus dem asiatischen Raum in die Pyrenäen als auch die Wandlung der ursprünglichen fahlroten, braunen oder schwarzen Fellfarbe hin zum weißen Pelz sein Geheimnis.

Auf Stichen aus dem 14. Jahrhundert zeigen die dargestellten Hunde einen braunen Kopf und einen breiten, braunen Mantel. Im Laufe der Jahrhunderte verschwand dieser Mantel und die braune Farbe hellte sich zu grauen, dachsfarbenen, orangen oder blassgelben Flecken auf, die vornehmlich am Kopf, beim Rutenansatz und vereinzelt auf dem Rumpf erscheinen.

Seit Anbeginn der Schafhaltung in den Pyrenäen wurde der "Montagne" zum Schutz der Herden und der Schäfer vor Wölfen, Bären und vagabundierenden Räuberbanden beigezogen. Die Nacht verbrachte Patou auf einem erhöhten Liegeplatz, der ihm die Überwachung der ganzen Umgebung ermöglichte. Oft schien er zu schlafen, den Kopf auf seine Pfoten gebettet, doch nahm er jederzeit alles wahr, was bei seiner Herde geschah. Erkannte er eine Gefahr, warnte er den Schäfer mit seiner tiefen, kräftigen Stimme. Die Kehle durch ein breites, stachelbewehrtes Halsband geschützt, bekämpfte der "Montagne" nötigenfalls jeden Eindringling, der seine Herde bedrohte. Weder durch Schmeicheln noch mit Leckerbissen konnte er bestochen werden, und durch sein Größe sowie seine bemerkenswerte Kraft und Gewandtheit begünstigt, war dieser Hund seinen Feinden ein furchtbarer Gegner.

Dokumente aus dem 14. und 15. Jahrhundert belegen, dass die Vorzüge des Pyrenäen-Berghundes – feiner Geruchsinn, ausgeglichener Charakter, bewundernswerter Eifer in der Erfüllung der ihm übertragenen Bewachungsaufgaben, unerschütterliche Treue zu seinem Meister – auch vom pyrenäischen Adel geschätzt wurden. Die Grafen von Foix ließen ihre Schlösser durch diesen unerschrockenen Wächter schützen. Schließlich brachte ihn die Freundschaft des französischen Kronprinzen im Jahre 1675 an den Königshof nach Paris. Fortan wollte jedermann, der was auf sich hielt und ein Schloss oder einen Landsitz mit einem schönen Park besaß, diesen treuen Kameraden um sich wissen.

Charmanter Begleiter und aufmerksamer Wächter; diese zweifache Aufgabe erfüllt der "Montagne" nun schon seit Jahrhunderten aufs Vortrefflichste.

Doch der Rückgang von Wölfen und Bären in den Pyrenäen hatte seine Auswirkungen auf den Bestand des Pyrenäen-Berghundes. Dazu kam eine übermäßige Ausfuhr von Welpen und Junghunden in den Norden Frankreichs, nach Belgien und Großbritannien. Die Ereignisse des 1. Weltkrieges führten schließlich zu einer ernstlichen Gefährdung dieser Hunderasse.

Trotz seiner wechselvollen Geschichte blieb sein ursprünglicher Charakter erhalten. Bei der Bewachung von Haus und Hof besticht er durch seinen, mit einem untrüglichen Instinkt für die Gefahr gepaarten Mut. In den Pyrenäen war es für die Erfüllung seiner Aufgaben unbedingt notwendig, gegenüber Fremdem ein gewisses Misstrauen zu zeigen. Seine Zurückhaltung bei der Begegnung mit unbekannten Personen oder Sachen darf deshalb nicht als Angst fehlgedeutet werden. Wenn der Pyrenäen-Berghund in Begleitung seines Meisters auf Fremde trifft, verhält er sich gleichgültig, manchmal auch in fast beleidigendem Masse zurückhaltend. Eindringlinge weist er – nachts sogar mit entschiedener Schärfe – zurück; Freunde hingegen begrüßt er fröhlich jaulend und mit herzlichen Liebkosungen.

Dem Pyrenäen-Berghund wurde immer schon große Verantwortung übertragen. Seine Aufgaben erfüllt er weitgehend selbstständig, wobei sein Eifer manchmal an Eigensinn grenzt. Er braucht einen Meister mit großer, natürlicher Autorität, der ihn mit Bestimmtheit, ohne jemals grob zu sein, anleitet. Es ist sehr wichtig, dass dieser Hund eine angemessene Erziehung genießt.

Sein sanfter Ausdruck und sein langhaariges, weißes Fell erwecken beim geneigten Betrachter Sympathie. Es kommt öfter vor, dass man bei einem Spaziergang von Passanten um Auskünfte über diesen prächtigen Hund gebeten wird.

In erster Linie betreffen diese Fragen die Pflege seines strahlend weißen Pelzes. Da die Haartracht des "Montagne" den Schmutz kaum annimmt, erfordert dessen Pflege im Vergleich mit anderen Hunderassen keinen größeren Aufwand. Regelmäßiges Bürsten genügt vollauf. Falls er sich tatsächlich im Schlamm gesuhlt hat, wartet man, bis sein Pelz wieder trocken ist und bürstet ihn anschließend kräftig durch.

Der Standard verlangt, dass der Pyrenäen-Berghund an der Hinterhand beidseitig wohlgeformte, doppelte Afterkrallen aufweist. Diese doppelten Afterkrallen gelten traditionell als Rassemerkmal und dürfen keinesfalls entfernt werden. Da sie den Boden nicht berühren, nützen sie sich nicht ab und müssen von Zeit zu Zeit gekürzt werden.

Was braucht nun der Pyrenäen-Berghund, um glücklich leben zu können? Zuallererst wohl die Zuneigung seines Meisters. Und obwohl bescheiden in seinen Ansprüchen, verlangt er dennoch von seinem Besitzer, dass dieser tatsächlich genügend Zeit für ihn aufwenden kann. Zudem sollte ein ausreichend großer Auslauf vorhanden sein, der durch einen Zaun gesichert ist.

Wer sich jedoch in Kenntnis seiner Eigenheiten und manchmal auch Sturrheiten dennoch für den Pyrenäen-Berghund entscheidet, wird von diesem noblen, treuen und intelligenten Freund nicht enttäuscht werden.

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